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Warnsignal Klima: GESUNDHEITSRISIKEN – GEFAHREN FÜR PFLANZEN, TIERE & MENSCHEN

Kap.4 Sozio-ökonomische Aspekte: Gewinner und Verlierer

4.8  Über die Zunahme thermophiler Schadorganismen in den Wäldern – Umbaupläne müssen dies berücksichtigen

Nadine Bräsicke & Alfred Wulf
Julius Kühn-Institut, Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen
Institut für Pflanzenschutz in Gartenbau und Forst, Braunschweig


 

Zusammenfassung: Über die Zunahme thermophiler Schadorganismen in den WäldernUmbaupläne müssen dies berücksichtigen – Die Forst- und Holzwirtschaft gehören zu den Wirtschaftszweigen, die sich an vorherrschende Klimabedingungen, einschließlich extremer Wetterereignisse, anpassen müssen. Sie sind verpflichtet für zukünftige Generationen zu planen und gemäß des Grundsatzes der Nachhaltigkeit zu agieren, weil der Aufbau von stabilen Waldökosystemen einen sehr langen Zeitraum (ca. 150 Jahre) in Anspruch nimmt. Globale Veränderungen des Klimas beeinflussen neben den Verbreitungsgrenzen der Gehölze, auch das Baumwachstum und die Wasserhaushaltssituation des Bodens sowie die Entwicklungsbedingungen von Lebewesen, einschließlich der Schadorganismen. Die Anpassungsfähigkeit der Wälder ist jedoch von der tatsächlichen Entwicklung und Intensität des Klimawandels abhängig. Waldstandorte können u. U. stärker trockenen Bedingungen ausgesetzt sein, die zusammen mit höheren Vegetationszeittemperaturen eine erhöhte Stressanfälligkeit der Bäume verursachen. Auch die Wachstumsrate und die Entwicklung einiger Schadorganismen kann positiv beeinflusst werden, die infolge eines relativ hohen Populationswachstums und hoher Mobilität durch Adaption oder Migration auf veränderte Klimabedingungen rascher reagieren können. Bei einigen Forstschadorganismen zeichnet sich eine solche Entwicklung bereits ab. So finden z. B. die Fichtenborkenkäfer (Ips typographus, Pityogenes chalcographus) als sekundäre Schadinsekten in u. a. durch Extremwetterereignisse (z. B. Sturm, Trockenheit) vorgeschädigten Fichtenforsten günstige Entwicklungsbedingungen, die bei trocken-warmer Sommerwitterung zu Massenvermehrungen führen und sie zu Primärschädlingen avancieren. Kalamitäten größten Ausmaßes und der Verlust großer Waldgebiete können die Folge sein. Auch der Schwammspinner (Lymantria dispar) gehört als ausge-sprochen wärmeliebendes Insekt zu den Beispielen, deren verstärktes Auftreten in den letzten Jahren als Folge überdurchschnittlich warm-trockener Vegetationsperioden erklärt wird. Der aktuellste Fall, der den Einfluss von klimatischen Veränderungen offensichtlich macht, ist der Eichenprozessionsspinner (Thaumetopoea processionea). In den letzten Jahren ist der Forst- und Hygieneschädling zu einem Dauerproblem in einigen Bundesländern geworden. Auch die heimischen Prachtkäferarten (z. B. Agrilus biguttatus) genießen bei Wärme und Trockenheit ebenfalls gute Vermehrungsbedingungen, so dass jüngst bei einigen Vertretern eine Zunahme nach Dürreperioden beobachtet wird. Kritisch hierbei ist, dass diese einstigen Sekundärschädlinge an forstlicher Bedeutung gewinnen und eine wesentliche Schlüsselrolle bei aktuellen Forstkomplexkrankheiten (z. B. Eichensterben) einnehmen.

Klimatische Veränderungen beeinflussen aber nicht nur die Forstschadinsekten, sondern auch die Erreger von Baumkrankheiten, die vor allem die Hauptbaumart Kiefer durch Krankheiten (Diplodia – Triebsterben, Dothistroma – Kiefernschütte) bedrohen. Ferner wird die Vitalität der Eiche zunehmend durch Echte Mehltaupilze geschwächt. Erysiphe alphitoides führt in Kombination mit Insektenfraß oder Dürreperioden zu schweren Vitalitätsverlusten und nimmt als Multiplikator eine nicht zu unterschätzende Rolle bei dem aktuellen Eichensterben ein. Das Auftreten der Rußrindenkrankheit (Erreger: Cryptostroma corticale) an Ahorn hat in den letzten Jahren nicht an Aktualität verloren. Hauptsächlich Jahre mit trocken-heißer Witterung fördern das Auftreten und die Entwicklung dieses parasitischen Pilzes. Die aufgeführten Beispiele dokumentieren populationsdynamische Veränderungen bei den wärmeliebenden Forstschädlingen und epidemiologische Auffälligkeiten bei Waldkrankheiten, die scheinbar als Folge klimatischer Veränderungen anzusehen sind. Welche Effekte der Klimawandel auf die Schadorganismen letztendlich haben wird hängt auch von der Anpassungsfähigkeit der Baumarten auf die neuen Klimabedingungen ab. Die Forst- und Holzwirtschaft steht vor einer großen Herausforderung, die sie mit notwendigen Anpassungsmaßnahmen in der zukünftigen waldbaulichen Planung bewältigen muss.

Summary: About the increase of thermophilic pests in forests – plans of silviculture have to take this into account – The forest and timber industry belongs to the economic sectors which have to adapt to prevailing climatic conditions. They are committed to planning for future generations and to act according to the principle of sustainability, because the construction of stable forest eco-systems takes a very long time (about 150 years). The climatic change affects the distribution limit of tree species and the water supply of soil as well as the development of living organisms, including insect pests and diseases. But the adaptability of forests is dependent on the actual development and the intensity of climatic changes. Forest sites may be exposed to more dry conditions. Along with higher temperatures in the vegetation period, they cause an increased susceptibility of trees to stress. Also the growth rate and the development of insect pests can be affected positively by climatic changes, because they can react faster by high population growth and high mobility due to adaptation or migration. For some forest pests, such development already exists, for example Spruce Bark Beetles (Ips typographus, Pityogenes chalcographus). As secondary insect pests they find favorable development conditions in pre-damaged spruce forests (through extreme weather events such as storm or drought). Together with dry and warm weather conditions these species are able to form outbreaks and to transform into primary pests. Outbreaks on largest scale and the loss of great forest areas are the results. Also, the Gypsy Moth (Lymantria dispar) is a thermophilic insect and belongs to the examples whose increased occurrence is explained as a result of warmer than average-dry vegetation periods in recent years. The most recent case, which makes the influence of climatic change obvious, is the Oak Processionary Moth (Thaumetopoea processionea). In the last years this forest and hygiene pest has become established as a permanent problem in some states of Germany. After draught periods buprestids (Buprestidae), which have been of less importance formerly, nowadays seem to dominate the decline complex of main forest tree species. Among the pathogens there are some with growing importance too. Today pine trees are suffering much more from some parasitic fungi than they did in former times. Furthermore, the vitality of oak is increasingly weakened by Powdery Mildew Fungi. In combination with insects or drought, Erysiphe alphitoides leads to vitality loss and has a not to be underestimated role in the current oak death. Needle and twig diseases caused by Mycosphaerella spp. or Sphaeropsis sapinea are other examples. In the last years the occurrence of Sooty Bark Disease (Cryptostroma corticale) in Germany has not lost its relevance. Primarily years with dry and hot weather promote the occurrence and development of this parasitic fungus. The examples document the population dynamics of forest pests and epidemiological peculiarities of forest diseases which are apparently regarded as a consequence of climatic change. Which effects the climatic change will have on harmful organisms also depends on the adaptability of tree species to the new climate conditions. Decisions for the establishment of forest stands for the future should consider these developments.

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